So geht die Identität verloren

MITTWOCH, 21.11.2018
F.A.Z. – SPORT

Jochen Schümann, 64 Jahre alt, dreimal Olympiasieger im Segeln und als Skipper und Sportdirektor zweimal Gewinner des America’s Cup mit Alinghi, über das olympische Ende des Finn-Dinghy und das Buhlen um die Facebook-Generation

Das Finn-Dinghy, seit 1952 olympische Bootsklasse, wird 2020 zum letzten Mal bei den Sommerspielen dabei sein. Ist das ein Verlust?

Auf jeden Fall. Viele Große sind es gesegelt. So simpel das Boot ist, es zeigt, wer wirklich Talent und Biss hat und die Basics beherrscht. Wer sich im Finn durchgesetzt hat, bringt in jedweder Klasse Leistung, ob Paul Elvstrøm, Willi Kuhweide, Ben Ainslie, Russell Coutts.

Oder Sie selbst. Warum ist das so?

Das Finn ist ein sehr simples Boot, das mit Kraft und starker Physis, mit viel Taktik und einfachen Manövern gesegelt wird. Da wird ein Finn-Olympiasieger mehr beachtet als diejenigen aus den Crew-Booten, von denen niemand wusste: Wer ist eigentlich der Olympiasieger?

Haben Sie den Finn wirklich geliebt?

Na ja. Wer am härtesten arbeiten und dabei trotzdem langsam vorankommen will, der muss sich den Finn oder den Laser aussuchen. Wenn etwas richtig weh tut wie Finn-Segeln, dann ist die Liebe immer auch mit Hass durchmischt.

Ist Finn die nach oben offene Schwergewichtsklasse, in der die Allerstärksten gesegelt sind?

Wer wie verrückt trainieren will, ist in dieser Klasse richtig. Es liegt nur an einem selbst, was dabei rauskommt. Es ist ein Einhand-Boot, man ist allein auf dem Wasser, man macht alle Fehler selbst, und was man kann, das macht man richtig. Man braucht Kraft und Gewicht, um das Boot gut auszureiten. Wir sind in den alten Zeiten mit Gewichtsjacken gesegelt, da reichten achtzig bis neunzig Kilo Körpergewicht. Heute sind Gewichte verboten, es ist einfach nicht gesund für Knie und Wirbelsäule, ständig zehn bis fünfzehn Kilo auf der Schulter zu haben. Dafür wiegen die Segler heute von Mitte neunzig bis über hundert Kilo.

Das Olympiasieger-Boot von Kuhweide 1964, die Darling, hängt in Bremerhaven im Museum. Was ist aus Ihrem Olympiasieger-Finn geworden?

Der Veranstalter hat zu meiner Zeit die Olympia-Boote gestellt. Mich hat mal jemand angerufen, der das Boot von 1976 besaß und ein Autogramm von mir wollte.

Weltmeister und Europameister sind Sie im eigenen Finn geworden. Wo ist das?

Die Kontiki war ein Vereinsboot. Der Klub hat es mir überlassen, und deshalb hängt es als mein Boot, gut eingepackt, im Bootshaus in Berlin-Friedrichshagen am Müggelsee. Mit den modernen Finns hat es kaum noch etwas zu tun. Was früher ein Holzmast war, sind heute Carbon-Riggs. Das Finn-Dinghy von heute ist nicht mehr das Boot, das Elvstrøm 1952 und Kuhweide 1964 gesegelt sind.

Ist die Abschaffung des Finn ein Indiz dafür, dass Olympia und der Segelverband Leichtgewichts-Segeln bevorzugen, Sailing Light?

Sie fördern ein technikgetriebenes und vor allem geschwindigkeits-getriebenes Segeln. Tempo ist spektakulär, und es wirkt im Fernsehen. Die meisten Leute wissen nicht, wie Segeln funktioniert; die taktischen Finessen und das technische Knowhow, um so ein Boot zu bewegen, ist ihnen fremd. Ihnen wollen IOC und Verband mit dem Faktor Speed entgegenkommen; mit Katamaranen auf Foils . . .

. . . Booten, deren Rümpfe sich aus dem Wasser heben…

. . . und mit Kiteboards. Dazu 49er, die mit zwei Leuten im Trapez sehr schnell unterwegs sind. Alles soll leicht und schnell aussehen. Das schränkt allerdings die Manöver und die Taktik mehr und mehr ein. Bei Manövern verliert das Boot Geschwindigkeit und fliegt nicht mehr. Das führt dazu, dass keiner mehr Manöver macht, weil er dabei jedes Mal zwanzig, dreißig Meter verliert. Man startet, fährt in die eine Ecke, fährt um die nächste Boje, und so geht es weiter – ein reiner Speed-Wettbewerb. Mir ist das zu simplifiziert auf Höchsttempo. Wie in der Formel 1 entscheidet die Grundgeschwindigkeit. Wenn niemand Fehler macht, bleibt alles bei der Reihenfolge, in der sie gestartet sind. In der Formel 1 haben sie, damit überhaupt etwas passiert, Reifenwechsel eingeführt.

Ihnen wird das olympische Segeln zu langweilig?

Boote so schnell zu segeln hat auch eine Faszination. 49er-Segler können auch segeln. Sie würden allerdings kein Finn-Dinghy beherrschen, weil sie gar nicht die Konstitution dafür haben. Dem Finn noch am nächsten kommen die Laser, die als Einzige überlebt haben. Das Boot ist noch einfacher und wird immer noch mit unendlich vielen Wenden gesegelt; das dauert wenige Zehntelsekunden, dann ist man schon auf dem neuen Bug.

Für schwere Segler ist bei Olympia kein Platz mehr?

Das IOC und die Segel-Weltföderation schielen nach der Facebook-Generation. Man sucht die Bootsklassen nach dem durchschnittlichen Gewicht der Weltbevölkerung aus. Finn-Segler mit ihren neunzig bis hundert Kilo sollen nicht mehr mitmachen. Asiaten haben im Schnitt nur siebzig Kilo, deshalb wollen sie Bootsklassen, die dafür passen – idealerweise auch noch im Gender-Mix. Man will ein politisch korrektes Boot, das es nicht gibt.

Das Finn-Dinghy galt als demokratisch, weil es einfach und billig war und es sich praktisch jeder leisten konnte. Wird Segeln exklusiver?

Generell geht es uns allen besser. In jedem Land sollte die Möglichkeit bestehen, die neuen Boote anzuschaffen. Viele der Boote, die wir früher selbst gebaut und weiterentwickelt haben, kann man heute kaufen wie „plug and play“ – ins Wasser setzen und losfahren, und wenn nicht alles so ist, wie man sich das vorstellt, reklamiert man das. Wir haben früher alles selbst bauen müssen, damit es den richtigen Standard hat. Das ist auch vorbei.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung?

Mich stört der generelle Trend, auf populistischer Basis zu entscheiden, was gut ist und was nicht. So geht die Identität von Sportarten verloren. Selbst Ringen wäre beinahe aus dem olympischen Programm geflogen; es machen zu wenige, es ist zu anstrengend, es ist zu hart und zu alt. Das passt zur gesellschaftlichen Entwicklung. Dabei verbergen sich in diesen Sportarten, wie auch im Finn-Segeln, Charaktereigenschaften, die nach wie vor wichtig und wertvoll sind. Aber was keine Klicks bringt und keine Likes, wird abgewählt.

Ist die olympische Modernisierung des Segelns generell schlecht?

Ich begrüße die Rückkehr von Kielbooten. Die sind zurzeit vollkommen raus, obwohl es weltweit bestimmt so viele Kielboote gibt wie Dinghys. Der Drachen, auch ein sehr langsames Boot, ist weltweit verbreitet wie kaum eine Klasse, ein Klassiker. Bis 1972 war er olympisch, seitdem nicht mehr, obwohl die Wettbewerbe spannend sind wegen der riesigen Teilnehmerfelder. In den olympischen Klassen kann man ja manchmal gar keine nationalen Meisterschaften austragen, weil nur Olympiateilnehmer diese Boote segeln.

Sollte der Drachen immer noch olympisch sein?

Will ich so nicht sagen. Der Soling . . .

. . . auf dem Sie zweimal Olympiasieger wurden und einmal Olympia-Zweiter.

Er sollte noch olympisch sein in der Kombination aus Fleet- und Match-Race. Das war ein sehr, sehr spannender Wettbewerb mit faszinierenden Regatten und Knock-out-Races. Wer als Erster über die Linie fährt, gewinnt. Da gibt es keine Gesamtwertung mit Streichwert, die kaum jemand nachvollziehen kann. Soling ist nach Sydney 2000 gestrichen worden zugunsten eines Match-Race für Frauen. Das war gar nicht verbreitet und ist auch schnell eingeschlafen. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich der olympische Segelsport durch populistische Entscheidungen gewandelt, und zwar nicht zum Guten.

In Frankreich 2024 soll es wieder eine neue Klasse geben.

Erstmals werden bei diesen Olympischen Spielen Offshore-Wettbewerbe stattfinden.

Hochsee-Segeln.

Das soll ein mehrtägiger Langstrecken-Wettbewerb werden. Die neue Bootsklasse ist allerdings noch nicht definiert, was auch wieder komisch ist. Sie soll natürlich, wie das heute so ist, mixed gesegelt werden, von einer Frau und einem Mann. Ich bin dafür, dass Mädchen segeln. Aber im Sport muss man sich entscheiden, ob man eine Disziplin für Männer oder für Frauen will.

Das Gespräch führte Michael Reinsch.

 

Quelle: http://plus.faz.net/faz-edition/sport/2018-11-21/3fe297d36fe64c541c2694e8a681bec2?GEPC=s9

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